Warum nennst Du Dich „Alkoholikerin?“

Nach unzähligen dieser Fragen möchte ich heute ein paar Worte dazu festhalten, verbunden, wie immer, mit ein paar Fragen:

  •  was ist ein Alkoholiker?
  •  ab wann ist MAN ein Alkoholiker?
  •  wann beginnt MAN, ein Alkoholiker zu sein und wann hört es auf?
  • ein abstinenter Trinker, kein Alkoholiker?
  • willst du dich wichtig machen?

Naja, einige der Fragen sind das wohl. Ich frage dann zurück: Wer bekommt den Anspruch auf den Titel Alkoholiker? Ist es der-, diejenige, die jeden Tag 3-5 Bier oder mehr trinkt und dann einen Tag (eventuell) aufhören kann? Ist es der-, diejenige, die jeden Tag 3-5 Bier oder mehr trinkt? Ist es der-, diejenige, die haltlos 3-5 Biere trinkt und mehr mit Kontrollverlust? Haben die anderen keinen Kontrollverlust?

Ich komme gerade zurück vom 3.Kongress für Alkoholsucht. Man sagte dort den Leuten, dass es krankhafte Trinker, also Alkoholiker gibt, und normale Trinker, die sind keine Alkoholiker. Also die einen sind krank, die anderen sind gemütlich. Die einen sind haltlos und brauchen Hilfe und müssen sich helfen lassen, die anderen dürfen immer mehr trinken, randalieren und vergewaltigen, auffallen, pöbeln und gehören dann noch zu den bewundernswerten, starken Leuten.

Die anderen „Trinker“ gehören zu den verachtenswerten, schwachen Leuten!

Wohlgemerkt: Bei gleicher Alkoholmenge!

Ich habe darauf keine Antwort erhalten von den unzähligen Fachleuten, Spezialisten, Psychologen, und Methodikern.

Warum nennst du dich Alkoholikerin? Du bist doch trocken? Ja gute Frage, ich frage zurück: Warum sollte ich mich anders nennen? Und wenn ja, wie wäre dann die Bezeichnung für eine – lt. Statistik und Gesundheitsbehörden – KRANKE!?

Ja, wieder keine Antwort.

Es wäre „angeblich“ nicht gut, sich Alkoholikerin zu nennen, da ich doch keine mehr bin, wie ich behaupten würde. Man dürfte dann davon ausgehen, dass ich doch noch „kämpfe“ und „gefährdet“ bin. Leute, ich verstehe KEIN WORT! Ganz ehrlich. Ich habe folgendes geantwortet:

Ich sehe meine Aufgabe darin, Mut zu machen, dass es ein Leben ohne Alkohol gibt, das MAN lebenswert nennen kann. Es ist kein trockenes Leben, was ja sonst anzustreben ist in den Therapien, sondern ein glückliches. Ich weiß, glücklich ist auch so eine strapazierte Bezeichnung, die auch nur eine flüchtige Emotion, einen flüchtigen IST-Zustand widerspiegelt, aber für den Moment, und den heutigen Tag, habe ich keine andere Bezeichnung für meinen ZUSTAND.

Alkoholikerin nenne ich mich, weil es etwas ist, was ich bin, was ich getan habe und was mein Leben lang zu mir gehört. Ich nenne mich – wenigstens heute – auch so, damit die Menschen draußen mich erkennen.

Wie sollen sie mich finden, wenn ich schreibe: Ich bin eine glückliche Petra.

Wo ist die Assoziation zu meinem Vorleben, dem Alkohol-Vorleben, das über 30 Jahre gedauert hat.

Und die Gegenfrage lautet natürlich: Warum sollte ich mich NICHT so nennen? Wobei ich hier eine Einschränkung notieren darf. Ich gehe natürlich nicht überall hin und sage, ich bin Petra, die Alkoholikerin.

Ich denke, die Frage der Menschen hat sich auf meinen Vortrag beim Suchtkongress bezogen. Wobei mich auch schon andere Leute gefragt haben, warum mein Buch so heißt: Eine glückliche Alkoholikerin macht Mut.

Ja, keine Ahnung, was soll ich sonst noch dazu sagen?  Vielleicht habt ihr eine Idee dazu?

Würde mich über ein paar Blog Einträge freuen.

Gesegneten Tag. Eure Petra

 

2 Comments »

  1. Es gibt 1000 Definitionen und Tests zum Thema „Alkoholiker“. Und es gibt ein allgemeines Bild, was Menschen unter einem Alkoholiker verstehen. Meistens lebt der schon fast unter der Brücke, kriegt sein Leben nicht mehr auf die Reihe, trinkt den ganzen Tag und ist krank. Wenn man sich so bezeichnen will und sich solch ein Stigma auferlegen will ist das ja ok, ich finde es sinnlos mit solch einem Begriff zu arbeiten, der nirgendwo klar definiert ist und der dazu führt dass einem die Leute einreden: du bist doch kein Alkoholiker, eben weil man sein Leben noch auf die Reihe bekommt. An dem sich die meisten Kampftrinker messen und für sich sagen: ich saufe zwar wie ein Loch, aber zumindest bin ich kein Alkoholiker. Als Schockmoment taugt das natürlich schon, wenn man Abends mit seinen Freunden was trinken geht und auf die Nachfrage warum kein Bier man sagt: ich bin Alkoholiker.

    Ich würde mich eher mit dem Begriff der Abhängigkeit nähern. Und die beginnt mit dem ersten Glas und schreitet aufgrund der erweiterten Toleranz üblicherweise fort. Bei manchen langsamer, bei anderen schneller. Und manche verlieren die Kontrolle komplett und andere nicht. Warum ? Das ist individuell verschieden, warum weiß wohl keiner genau. Die einen sagen es sind die „Gene“, die anderen sagen es ist das Umfeld oder die Persönlichkeit. Manche auch alles zusammen.

    Die Menge finde ich als Kriterium nicht entscheidend, aber sie kann schon einen Hinweis auf starke Abhängigkeit geben. Wenn ich viel trinke, trinke ich üblicherweise lange, oft und möchte einen Vollrausch. Unterbreche ich eines der drei Kriterien kommt meistens die Gier und dann kann ich feststellen ob und wie stark ich abhängig bin. Die meistens Leute behaupten ja ohne Alkohol zu leben ist kein Problem. Sagt man aber nach 2 Bier ist Schluss (wo vorher 8 üblich waren) oder heute Abend kein Bier (wo doch täglich getrunken wurde) merkt man wo man oft wo man steht. Ging zumindest mir so.

    Wenn man also Abhängigkeit mit Alkoholiker gleichsetzt so wird die Definition sehr schwammig. Dann ist jeder der einmal Alkohol trinkt bereits ein Alkoholiker im Anfangsstadium und einer der kurz davor ist sich totzusaufen halt im Entstadium.

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    • gebe ich ein Daumen hoch. Ja, der Artikel ist auch schon ein paar Tage „alt“ sagen wir es mal so, ich habe ihn vor 3 Jahren geschrieben. Mittlerweile ändert sich meine Meinung und Ansicht darüber. Aber ich finde ihn nach wie vor zum „nachdenken“ und „diskutieren“. Mittlerweile würde ich mich gar nicht irgendwie benennen. Danke für den tollen Beitrag.

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